15.02.2016

Was kann Semi-Fat (B+)? - Erfahrungen mit dem Nobby Nic 3,0"

Semi-Fat, B+, 27,5+ man könnte meinen es wäre die Revolution im Mountainbike Bereich. Diese neuen Reifen, nicht halbes und nichts ganzes - also nicht wirklich Fat wie ein 4" Reifen aber auch nicht so schlank wie die klassischen Pneus um die 2,35" - dies ist das neue Maß der Mitte.
Ein Reifen, welcher die Vorteile aus beiden Welten, also der fetten und der schlanken, vereinen soll. Nun welche sind das und gibt es nicht auch hier und da Nachteile? Mit dem NobbyNic haben wir einen +Reifen im Einsatz, welcher an den meisten Serien +PedelecBikes 2016 zu finden sein wird. Gehen wir also der Frage nach, wie sich so ein Reifen fährt...


Wie der aufmerksame Leser aus meinen früheren Artikel zu diesem Thema sicherlich entnommen hat, bin ich jetzt nicht wahnsinnig euphorisch was das Thema B+ angeht. Nach 20 Jahren Snowboard & Bike Konsument habe ich einfach schon zuviel erlebt, was als das neue tolle Produkt angepriesen wird und einige wenige Jahre später schon wieder komplett vom Markt verschwunden war.
Oder etwas Plump ausgedrückt - "Was der Bauer nicht kennt, frisst er ned!"
Daher habe ich das Thema B+ schon jeher mit einer gewissen Distanz betrachtet, wie übrigens auch den FatBike Trend. Zudem vermisse ich an meinem klassischen Allmountain Bike nichts im Bereich der Bereifung, was jetzt unbedingt verändert werden sollte.

Meine bisherigen Erfahrungen mit B+ waren bis zuletzt allerdings auch nicht besonders reich. Im Juni vergangenen Jahres erstmals einen Cube Stereo Hybrid Umbau mit 2,8er Nobby Nic in der Front gefahren - in Sachen Traktion bereits damals nicht zu verachten. Dann auf der Eurobike zahlreiche B+ Bikes auf dem Testgelände ausprobiert. Jedoch empfinde ich die Beurteilung der Gesamtperformance eines B+ Reifens, basierend auf dem Eurobike Testparcours, als nicht ausreichend und eher oberflächlich.

Nun haben wir seit einigen Tagen das KTM Macina Kapoho mit diesen breiten NobbyNic Schlappen in der Redaktion. Endlich also einmal die Möglichkeit ein B+ Mountainpedelec auf den heimischen vertrauten Trails intensiv zu fahren. Wie sicherlich jeder nachvollziehen kann, lässt sich ein Bike auf einer vertrauten Strecke am besten beurteilen - so auch speziell das Verhalten der Reifen.

NobbyNic "Fußabdruck"
Der NobbyNic sitzt bei unserem Bike auf den Serienfelgen, sie hören auf den Namen Sunringle MuleFüt 50SL und besitzen eine Maulweite von satten 45mm. Damit hat die Felge eine schöne Dimension um den 3" Reifen sicher einzufassen. Im Ruhezustand nachgemessen, bietet der Reifen an der Außenflanke 74mm Breite - dies entspricht genau genommen 2,91". Um tatsächlich auf 3" zu kommen müsste der Reifen also 76mm haben.
Nun ist es aber so, dass sich der Reifen auf dem Auflagepunkt natürlich weitet - hier haben wir ebenfalls noch einmal nachgemessen und kommen im Profilabdruck auf eine Breite von etwa 80mm. Im Vergleich dazu hat der MagicMary Reifen in der Größe 2,35" einen Reifenabdruck von etwa 65mm. Der Profilabdruck macht deutlich, dass der Semi-Fat Reifen deutlich breiter aufträgt und weniger tief einsinkt.
Soviel zu den ermittelten Zahlen.

Wie fährt sich der Semi-Fat NobbyNic?
Beim ersten Aufsteigen auf das Bike fällt die Breite der Semi-Fat Reifen natürlich sofort auf. Beim Anrollen macht sich die surrende Akustik auf der Strasse bemerkbar - hat natürlich was cooles mit dieser Akustik rum zu cruisen. Aber wir wollen das eMTB im Gelände bewegen und hier muss sich der Reifen letztendlich beweisen.
Auf festen Waldwegen, egal ob grober oder feiner Schotter, nass oder trocken ist die +Traktion bedingt durch die größere Auflagefläche deutlich zu spüren. Hier dauert es lange bis der Losbrechmoment einsetzt und das Bike aus seiner Bahn wirft - und selbst wenn dies passiert bleibt es währende des Drifts relativ lange beherrschbar. Ein klassischer "schmaler" Bikereifen findet vielleicht früher die Traktion wieder, diese setzt dann aber sehr abrupt wieder ein was eine gewisse fahrerische Herausforderung darstellen kann.

Zusätzlich gedämpft wird das Fahrverhalten durch die voluminösen Reifen.  Diese schlucken zum einen viele feine Unebenheiten weg und passen sich damit dem Gelände perfekt an. Zum anderen sorgen diese in Kombination mit dem passenden Luftdruck und einer entsprechenden weiten Felge für ein genügsames Fahrverhalten.

Unter feuchten schlammigen Bedingungen versagt dem 3" Reifen die Traktion. Er bleibt hier im Drift relativ gut kontrollierbar, rutscht aber auf der Schlammschicht bodenlos mitunter bis zum völligen weggleiten. Macht mir persönlich eine Menge Spaß, da das Limit zum Spiel wird.

Reifen passt sich dem Gelände an



Bei schnellen Bergab Passagen fällt auf, dass der Reifen bedingt durch die oben genannten Eigenschaften, relativ anspruchslos bei der Liniewahl ist. Selbst das provozierte Durchfahren von ausgetrockneten Rinnsal im Weg beeinflussen das Bike nicht wesentlich - normalerweise eine Situation die nervös machen kann.
Entspannt folgen die Reifen dem Streckenverlauf ohne zu zicken.

Es gibt jedoch auch Situationen, bei denen die B+ Bereifung negativ auffällt. So ist hin und wieder eine Art Rückschlag (Rebounce) zu vernehmen. Dies konnte ich beispielsweise beim kurzen energischen Einlenken beobachten. Da der Reifen nicht rutscht verteilt sich die Drucklast im Reifen kurzzeitig unterschiedlich - beim folgenden Ausgleich tritt dann dieser Effekt auf was sich in gegensätzliche Lenkkräfte bemerkbar machen kann.
Dann merkt man den Rückschlag bei Landungen nach Sprüngen. Hier kann das Bike dazu neigen nicht satt weiter zu rollen, sondern nochmal kurz aufzuschaukeln. Zu Guter letzt fehlt es den dicken Schlappen an Lenkpräzision, eine feine präzise Liniewahl ist aufgrund der Trägheit nicht so einfach wie bei den klassischen agilen Schmalspur-Modellen. Alles in allem aber keine dramatischen Eigenschaften, eher eine Art Charakteristik.

Pannen hatten wir bis jetzt noch keine, allerdings sei hier zu erwähnen dass wir die Reifen noch nicht so hart ran nehmen konnten wie im Sommer wo die Trails schnell und trocken sind. Unter den feuchten rutschigen Bedingungen, wie sie über die kalte Jahreszeit herrschen ist eine defensivere Fahrweise angebracht.


Hält trotz niedrigem Druck sauber auf der Felge - minimales walken bei 1,1bar

Fazit: Trotz meiner anfänglichen Zurückhaltung gegenüber diesem neuen Reifenformat muss ich zwischenzeitlich zugeben, dass B+ durchaus seine Berechtigung hat. Die großen Argumente dafür sehe ich im Komfort und in der Fahrsicherheit welche diese Reifengattung bietet. Vor allem könnte sie für die noch jungen Mountainpedelecs eine perfekte Sache sein, da die breite Käuferschicht hier aktuell doch eher noch 40 Jahre aufwärts ist. Biker in diesem Alter sind in der Masse meiner Beobachtung zufolge eher defensiv unterwegs, wodurch ein leicht und sicher zu fahrendes B+ eMTB sicherlich ein Kaufargument sein dürfte.
Ich für mich kann sagen, dass ich sicher weiter auf B+ fahren werde weil es doch einen gewissen Reiz hat - ein Dauertester für die kommende Saison wird zeigen ob sich Semi-Fat bewährt.
Für schnelle sportliche Abfahrten bleibt das klassische Allmountain oder Enduro Bike aber meine erste Wahl, da ich hier ein reaktionsschnelles und agiles Bike brauche.

Randnotiz:
- Reifen mit Schlauch
- Gewicht vorderes Rad komplett 2,245kg
- Luftdruck vorne 0,9 / hinten 1,1


Weitere Links zum Thema:
- KTM MACINA KAPOHO 27.5+ 11 CX5 - Fotostrecke
- Unterwegs auf dem KTM Macina Kapoho 27,5+
- Generation B+

3 Kommentare:

  1. Bin den 3“ Specialized Ground Control 2 Tage auf dem Turbo Levo und den Winter über auf dem Specialized Fuse gefahren. Dem Bericht von Will Lee kann ich prinzipiell zustimmen.
    Allerdings fand ich den Ground Control gerade bei Feuchtigkeit beeindruckend gut. Der Grip ermöglicht mit dem Pedelec (Turbo Levo) bergauf schon eine neue Dimension des Grip, da geht richtig was.

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  2. Es gibt ja auch aktuelle Hardtail Modelle mit +Bereifung. Gibt es da Erfahrungswerte?

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    1. Ja, es gibt durchaus auch interessante +Hardtails, z.B. das "Mondraker E-Vantage RR+" oder das "Haibike XDURO HardSeven Plus RC".
      Aktuell hatten wir jedoch noch keines dieser Bikes gefahren, daher auch noch keine Erfahrungswerte in diesem Bereich.

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